Kann das Transhumanistische Argument gegen den Speziesismus überzeugen?

Einleitung

Speziesismus

Der vor allem aus der Tierethik bekannte Speziesismus, der auf (Ryder, 1970) zurückgeht und unter anderem von dem Moralphilosophen Peter Singer weiterentwickelt und verwendet wurde (Singer, 1995:1-25), beschreibt die moralische Diskriminierung von Lebewesen bloß aufgrund ihrer Speziesangehörigkeit. Der Begriff wurde von Roger Fjellstrom in (Fjellstrom, 2002) weiter erörtert und gehört heute zu den ethischen Grundbegriffen in der Tierethik. Es gibt allerdings auch außerhalb der Tierethik Argumente gegen den Speziesismus und eines davon, aus dem Bereich des Transhumanismus stammend, soll in diesem kurzen Essay kritisch analysiert werden.

Transhumanismus

Der Transhumanismus (Bostrom, 2003:1-7) bezeichnet eine Denkschule, bzw. eine kulturelle Bewegung, die den Menschen in seiner jetzigen Form nicht als die Endstufe humaner Entwicklung ansieht, sondern im Gegenteil, als einen Startpunkt für ein transhumanistisches Projekt, in dem die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Menschen durch den Einsatz von Technologie (Gentechnik, Cyborgtechnologie etc.) gesteigert werden sollen. Dies kann im weiteren Verlauf auch zur Überwindung der menschlichen Spezies führen, wenn die derart veränderten Lebewesen sich stark genug vom “natürlichen” Menschen unterscheiden, dass sie einer eigenen Spezies zuzuordnen wären. Die Übergangsstufe zwischen human und post-human wird als trans-human bezeichnet.

Die Ziele des Transhumanismus, wie die Überwindung des Alterns, oder die Leistungssteigerung durch Roboterarme, klingen im ersten Moment nach Science-Fiction. Es gibt allerdings bereits heute Beispiele, die einen linearen Weg zu einer solchen Entwicklung vorzeichnen. Dies reicht von Fortschritten in der Prothesenforschung, über die Biotechnologie bis hin zu Hirn-Computer Schnittstellen und Nanotechnologie. Einige der Forschungsvorhaben sind umstritten, aber in anderen Bereichen können potenzielle “human-enhancement”-Lösungen auch als Nebenprodukte entstehen, wie beispielsweise bei Prothesen.

Aus philosophischer Sicht ergeben sich aus dieser Denkschule zwischen potenziell endlosem Leben und einer Gesellschaft aus unterschiedlich stark künstlich weiterentwickelten Menschen sowie gänzlich post-humanen Wesen, interessante ethische Fragen. Einige dieser Fragen werden in (Savulescu and Bostrom, 2009) vorgestellt.

Eine zentrale ethische Frage im Hinblick auf den Transhumanismus ist, wie “natürliche” Menschen mit post-humanen Lebewesen umgehen sollen (und umgekehrt) und wie ein harmonisches Zusammenleben zwischen humanen, trans-humanen und post-humanen Individuen ermöglicht werden kann.

Es ist nicht davon auszugehen, dass sich eine transhumanistische Entwicklung homogen durch die Gesellschaft verteilen wird, sondern im Gegenteil in zeitlichen Schüben und nach finanziellen Ressourcen priorisiert. Historisch gesehen werden neue Therapien und Technologien zuallererst einer wohlhabenden, mächtigen Elite zur Verfügung stehen. Aber selbst wenn dieses Problem gelöst wäre, gibt es schlichtweg die Möglichkeit, dass einige Menschen gar nicht “verbessert” werden wollen. Am Ende kann davon ausgegangen werden, dass jedwede Entwicklung in Richtung Transhumanismus das Potenzial sozialer Konflikte mit sich bringen wird.

Das Transhumanistische Argument gegen den Speziesismus

Innerhalb der Werte des Transhumanismus (Bostrom, 2003:31-34) findet sich eine klar ablehnende Haltung gegenüber dem Speziesismus in Hinsicht auf nicht-humane Tiere, aber auch hinsichtlich post-humanen Wesen. Diese moralische Haltung basiert auf der Fähigkeit zu Leiden. Im Transhumanismus soll post-humanen Wesen mindestens derselbe moralische Status zukommen, wie Menschen in ihrer jetzigen Form.

Bostrom hält es nicht für besonders wahrscheinlich, dass eine fortschreitende Transhumanisierung zu ernsten Konflikten führen wird. Allerdings wird die Möglichkeit sozialer Konflikte und Spannungen, wie Diskriminierung und Stigmatisierung in beide Richtungen, eingeräumt. Um diesen Problemen vorzubeugen, soll ein Klima der Toleranz und Akzeptanz hinsichtlich all derer befördert werden, die - auf welche weise auch immer - anders sind. Darüber hinaus verlässt sich der Transhumanismus auf die demokratische Tradition, den Rechtsstaat und die internationale Ausweitung desselben, um etwaige soziale Probleme in den Griff zu bekommen.

Aus diesem Wertegerüst lässt sich nun ein transhumanistisches Argument gegen den Speziesismus ableiten, um zukünftigen Diskriminierungen und daraus entstehenden Problemen vorzubeugen. Das Argument kann wie folgt formuliert werden (1):

“Wenn wir nicht speziesistisch sind, werden wir offen und tolerant mit post-humanen Wesen umgehen und sie, durch unseren Einfluss auf sie, mit uns.”

Und in einer abgeschwächten Form (2):

“Wenn wir nicht speziesistisch sind, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass wir offen und tolerant mit post-humanen Wesen umgehen werden und sie, durch unseren Einfluss auf sie, mit uns.”

Im Folgenden werden diese Argumente aus historischer und logischer Perspektive kritisch analysiert.

Argumentkritik

Historische Perspektive

Aus historischer Perspektive, obgleich sich noch keine “human vs. post-human”-Situation je konkret ergeben hat, bietet sich ein Blick auf die Kolonialzeit, wo obwohl keine Speziesgrenzen bestanden, doch ein Zusammentreffen äußerst fremder Kulturen stattgefunden hat, der nur für eine Seite positive Auswirkungen hatte.

Der große Aufklärungsphilosoph, Vater des Liberalismus und Vorreiter der Menschenrechte, John Locke, bietet hier ein eindrucksvolles Beispiel. In seinem Kapitel über Eigentum im Second Treatise of Government (Locke, 2015:43-55), argumentierte er dafür, dass Recht auf Landbesitz davon abhängen muss, ob und wie gut man das Land bewirtschaftet. Als Befürworter der kolonialen Unternehmungen Englands kam diese Begründung sehr gelegen, da sie die gewalttätige Landnahme der Engländer von den amerikanischen Ureinwohnern, welche ihr Land, nach Auffassen der Kolonialmacht, nicht ausreichend effizient bewirtschafteten, rechtfertigte. Zu bezweifeln bleibt, ob Locke dieselbe Argumentation angewandt hätte, wenn beispielsweise spanische Siedler, mit neuen und effizienteren Methoden des Anbaus, nach England gekommen wären um das Land dort zu beschlagnahmen.

Dieses Beispiel zeigt, wie ein ganz offenbar vorhandener und mitunter stark ausgeprägter und ausgefeilter moralischer Wertekompass allein nicht ausgereicht hat um gegen soziale Druckfaktoren anzukämpfen, selbst für einen Jahrhundertdenker wie John Locke.

Derartige Beispiele finden sich in der Philosophiegeschichte zuhauf und das ist nicht gänzlich verwunderlich. Sowie die Unmenschlichkeit der Kolonialisierung im Nachhinein gerechtfertigt werden musste, um weiter von den Früchten dieser profitieren zu können, gab es oft sozioökonomische Faktoren, die vorhandene Moralvorstellungen im Zweifel übertrumpften.

Dies scheint sich auch nicht grundlegend geändert zu haben, wenn man die globalen Auswirkungen und die daraus entstehende Ungleichheit beobachtet, die menschliches Wirtschaften heute zu Tage bringt. Es erscheint plausibler, dass ein Zustand des sozialen Friedens und der globalen Grundbedürfnisdeckung mehr Potenzial hätte, speziesübergreifenden Konflikten vorzubeugen und mit diesen umzugehen, als davon auszugehen, dass in einer Konfliktsituation mit widerstreitenden Interessen eine Rückbesinnung auf ethische Grundwerte allein ausreichen, oder den hauptsächlichen Ausschlag geben wird.

Logische Perspektive

Aus logischer Perspektive stellt sich die Frage, ob Moral symmetrisch zwischen Spezies funktioniert, oder überhaupt in dieser Weise denkbar ist. Wenn man davon ausgeht, dass ein Anti-Speziesismus etabliert und von der gesamten Menschheit gelebt wird, so sagt uns das noch nichts darüber, ob post-humane Wesen diese Einstellung annehmen und behalten werden.

Dem kann man entgegnen, dass post-humane Wesen notwendigerweise humane Wesen und deren Gesellschaft als Startpunkt haben und somit zumindest hinsichtlich einer Beeinflussung durch eine ethische Grundhaltung ausgesetzt sind. Doch genauso wie das Beibringen moralischer Verhaltensweisen beim eigenen Nachwuchs keine Garantie dafür gibt, dass jener Nachwuchs diese nachhaltig übernehmen und behalten wird, so, oder sogar noch weniger scheint es plausibel anzunehmen, dass dies bei post-humanen Wesen, deren schiere Existenz sich vor allem dadurch kennzeichnet, dass wir uns gerade nicht vorstellen können, wie ihr Bewusstsein im Verhältnis zu unserem funktioniert, der Fall sein wird.

Doch selbst wenn man wohlwollend von einem linearen Weg der “Optimierung” ausgeht, so muss bemerkt werden, dass der Transhumanismus in all seinen Bestrebungen zur Verbesserung der intellektuellen, körperlichen und psychischen Fähigkeiten, keinen besonderen, oder zumindest keinen erkennbaren Wert darauf legt, dass trans-humane, oder post-humane Wesen im Bereich der gelebten Moral “optimiert” gegenüber dem heutigen Menschen sein sollen. Davon auszugehen, dass derartige Wesen sich an unseren Moralvorstellungen orientieren, scheint mehr als fraglich.

Konklusion

Resultat

Nach dieser Kritik mit überschaubarer Länge und Tiefgang, kann man vorsichtig folgern, dass das Argument in seiner vollen Stärke (1) nicht überzeugen kann. Hinsichtlich der Ursachen für Konflikte unterschiedlicher Gruppen waren historisch gesehen sozioökonomische Umstände, wenn sicherlich nicht immer, so doch oft von höherer Relevanz, als der moralische Kompass der Konfliktparteien.

Die abgeschwächte Version (2) scheint allerdings plausibel, zumindest insofern, dass es nicht denkbar erscheint, dass ein auf Toleranz, Offenheit und Akzeptanz eingestellter Wertekompass in jedweder zukünftigen trans- oder post-humanen Entwicklungsgeschichte, nicht zumindest einen positiven Einfluss hätte - wenn auch nur auf der humanen Seite.

Allerdings, eine solide moralische Basis der Toleranz und Offenheit zu etablieren würde auch heute Früchte tragen, unabhängig davon, ob wir den trans-humanen Weg gehen wollen, oder nicht und im Fall eines speziesübergreifenden Konflikts kann ein starkes moralisches Fundament nicht schaden, auch wenn es am Ende nicht plausibel erscheint, dass es der ausschlaggebende Faktor sein wird, um Konflikte zu vermeiden, oder zu lösen.

Fazit

Es gibt viele gute Argumente gegen den Speziesismus, vor allem aus der Tierethik, sodass es die wackelige, Selbstschutz-motivierte Argumentation aus dem Transhumanismus nicht notwendigerweise braucht, um zu überzeugen.

Möglicherweise würde es sich lohnen, zu versuchen, trans-humane Wesen vor allem mit höheren moralischen Fähigkeiten auszustatten, bevor man “Optimierungsbemühungen” in anderen Bereichen unternimmt. Das würde Probleme die heutzutage auftreten lösbarer machen und kann auch in einer trans-humanen, oder post-humanen Zukunft von Vorteil sein.

Referenzen